„Berührung ist die Wurzel“. Dieses Zitat von Frédérick Leboyer beschreibt Berührung als die Basis aller körperlichen und seelischen Entwicklung. Der französische Gynäkologe gilt als Vater der sanften Geburtsmedizin, die nach ihm auch Leboyer-Methode genannt wird. Danach soll ein Neugeborenes ohne unnötigen Stress auf die Welt gebracht werden, um sich langsam an die neue Umgebung außerhalb des Mutterleibes gewöhnen zu können. Ich selbst habe meine Tochter nach dieser Methode auf die Welt gebracht.

Kennenlernen auf dem Bauch
Nach der Leboyer-Methode wird das Neugeborene direkt nach der Geburt der Mutter auf den Bauch gelegt, um deren Wärme zu spüren und die Herztöne der Mutter zu hören. Dem Säugling wird so Zeit gegeben, sich von den Strapazen der Geburt zu erholen. Dies ist bei heutigen Geburten kaum möglich, denn gerade auf der Welt wird am Kind schon die U1 durchgeführt. Diese Untersuchung stört und unterbricht im schlimmsten Falle die noch nicht richtig aufgebaute Bindung zwischen Mutter und Kind abrupt – und das meist in der ersten halben Stunde des Lebens des Neugeborenen. Dabei ist diese Untersuchung auch durchführbar, wenn das Baby auf dem Bauch der Mutter liegen bleibt. So müssen das Zählen von Fingern und Zehen sowie das Beobachten der Atmung nicht unbedingt weit weg von der Mutter stattfinden.

Auspulsieren der Nabelschnur
Nach Leboyer wird die Nabelschnur nicht unmittelbar nach der Geburt durchtrennt, sondern so lange sie noch pulsiert, als Verbindung zwischen Mutter und Kind bestehen gelassen. So kann das Kind sich leichter auf die Umstellung und das eigenständige Atmen einstellen. Auch wenn wissenschaftliche Studien sich nicht einig sind, ob das Auspulsieren der Nabelschnur etwas bringt, raten Hebammen doch dazu. Ärzte begründen das schnelle Durchtrennen der Nabelschnur oft mit benötigten Blutwerten – diese können jedoch auch nach dem Auspulsieren der Nabelschnur problemlos genommen werden.

Bei der Geburt nach Leboyer wird sowohl Mutter als auch Kind Zeit gegeben, sich langsam kennenzulernen. Das Kind wird der Mutter gegeben, die es aktiv zu sich auf den Bauch zieht. Hierbei sollte die Mutter ihrem Baby unter die Füße fassen und so für eine Begrenzung sorgen. Der Säugling wird so beruhigt und angeregt, selbst zur Brustwarze der Mutter zu krabbeln. So wird das Bonding etabliert. Erst wenn dieser Prozess – der auch mal bis zu zwei Stunden dauern kann – beendet ist, wird das Baby in Ruhe gebadet.

Interventionen beeinträchtigen Kinder

Uneins sind sich Mediziner und Hebammen auch oft in Sachen Medikamention bei der Geburt. So wird bspw. oft nach der eigentlichen Geburt ein Wehnenmittel verabreicht, um den Mutterkuchen schneller rauszubringen. Hebammen sagen zurecht, dass dies völlig unnötig sei. Alles was es braucht, ist etwas Zeit. Leider ist diese in der heutigen Zeit rar und teuer. Außerdem ist zu bedenken, dass jedes Mittel, das der Mutter verabreicht wird, auch zum Kind kommt. Entweder im Bauch noch über die Nabelschnur oder aber nach der Geburt durch das Stillen über die Muttermilch. Fazit: Jede Intervention ergibt einen Nachteil für das Kind.

Die Schritte der Geburt nach Leboyer sind für die Etablierung des Bondings immens wichtig.
Nicht richtig stattgefundenes Bonding zeigt sich später bei Kindern, die ständig am Rockzipfel hängen und nicht alleine sein können. Aber auch das andere Extrem, den Clown zu spielen und die „Ich brauch dich nicht“-Einstellung sind Folgen fehlenden Bondings.

Bonding gibt Halt

Bonding ist wichtig und muss schon als Baby gelernt werden, um im späteren Leben selbst Liebe geben und empfangen zu können. Das Baby muss lernen, Berührung und den damit verbundenen Druck und die Wärme zu spüren. Aus diesem Grund ist das Pukken wieder groß in Mode. Beim Pukken wird das Kind auf eine bestimmte Art und Weite fest in eine Decke eingeschlagen, sodass es sich nicht freistrampeln kann. Das Pukken ist – für einige Stunden am Tag durchgeführt – sehr gut für das Kind. Es gibt Halt und der Druck führt zu Entspannung. Bonding bei der Geburt beginnt übrigens in dem Moment, wenn die Augen des Kindes den Geburtskanal verlassen. Genau dann sollten sie idealerweise den Vater erblicken, um hier eine erste Bezugsperson zu haben. Danach sollte die Mutter selbst ihr Kind hochheben, um es zu sich auf den Bauch bzw. die Brust nehmen. Automatisch wird sie es fest umarmen und halten. Das Bonding läuft.

Kaiserschnitt als Gewaltakt

Der Gegensatz zur sanften Geburt ist der Kaiserschnitt. Ich spreche hierbei nicht vom Not-Kaiserschnitt, der seine Berechtigung hat. Ist das Kind in einer Notsituation und braucht Hilfe, ist ein Kaiserschnitt unbedingt notwendig, damit das Leben von Mutter und Kind nicht in Gefahr gerät. Der geplante Kaiserschnitt greift allerdings massiv in die Entwicklung des Kindes ein und verhindert bzw. erschwert das Bonding zwischen Mutter und Kind. Beim Kaiserschnitt wird dem Kind nämlich die Entscheidung abgenommen, wann es auf die Welt kommen möchte. Normalerweise würde das Kind selbst diese Entscheidung treffen. Es leitet selbst die Geburt ein, weil es Hunger hat und intuitiv weiß, dass es sich außerhalb des Mutterbauchs wohler fühlen wird. Diese natürliche Abfolge kann durch einen geplanten Kaiserschnitt nicht mehr stattfinden. Das Baby ist vielleicht noch gar nicht bereit, wenn es plötzlich von außen herausgeholt wird. Die Folge: Kaiserschnittkinder haben es im späteren Leben schwer Entscheidungen zu treffen.

Fortbestehende frühkindliche Reflexe bei Kaiserschnittkindern

Ebenfalls fällt es ihnen sehr schwer, ein Ziel zu verfolgen, was ihre Gangart verdeutlicht. Der Symmetrische Tonische Nackenreflex ist stark ausgeprägt. Er ist mit dafür verantwortlich, dass Kinder und Jugendliche nur sehr schwer die einzelnen Übergänge von einem Lebensabschnitt zum nächsten bewältigen können. Oft haben diese Kinder auch viele Ideen, können sich aber nicht für eine Richtung entscheiden, sodass es nicht zur gezielten Umsetzung kommt. Hinzu kommt, dass Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind, immer in Anspannung sind. Sie haben oft hochgezogene Schultern, die noch an den Moment des Herausziehens beim Kaiserschnitt erinnern. Diese Haltung ist die eingefrorene Haltung des Furcht-Lähmungs-Reflexes, der bei einer natürlichen Geburt bereits in eine Schreckreaktion transformiert ist. Die Folge eines geplanten Kaiserschnitts besteht in der ungenügenden Ausreifung der nachfolgenden frühkindlichen Reflexe und der damit einhergehenden Unfähigkeit des Körpers, diese Reflexe zeitgerecht zu integrieren, was sich in motorischen Restreaktionen bemerkbar macht. Zum Beispiel ist bei einem nicht ausreichend integrierten Such- und Saugreflex bei kleinen Kindern ständiges Sabbern beobachtbar, später folgt der fehlende Mundschluss, was den Besuch beim Zahnarzt oder Logopäden nach sich zieht.

Entspannt in die Geburt

Bei allen Informationen und guten Ratschlägen, muss doch jede Mutter selbst wissen, wie sie ihr Kind auf die Welt bringen möchte. Meine Erfahrung ist, dass die Geburten am entspanntesten verlaufen und ebenfalls entspannte Kinder hervorbringen, bei denen sich die Mütter nicht im Vorfeld durch zu viel Information verrückt gemacht haben. Bei einer Geburt kann Unwissenheit sicher manchmal befreiend sein. Allerdings bin ich auch der Ansicht, dass Frauen sich aufklären lassen sollten, welche Vor- und Nachteile unterschiedliche Arten der Geburt für sie selbst und ihr Kind haben können. Denn einige Nachteile beeinflussen das Kind ggf. ein Leben lang.

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