Buchrezension: Bärbel Hölscher, Kraftvoll! Reflexe prägen das Leben

Bärbel Hölscher, Kraftvoll! Reflexe prägen das Leben
Books on Demand 2012, Norderstedt, ISBN: 9783848204960, Preis: 24,20 €, 135 Seiten

Die Kinesiologin Bärbel Hölscher, die in Münster eine eigene Praxis betreibt, hat vor bereits 2 Jahren in Eigenregie ein Buch zu frühkindlichen Reflexen herausgebracht. Das Buch ist reich illustriert, um eine besonders visuelle Vorstellung der Reflexe geben zu können. In den entsprechenden Kursen wird in Übungen der Frage nachgespürt, welche Reflexe im frühkindlichen oder sogar im Säuglingsalter nicht integriert werden konnten. Was heißt das? Zur vollständig unbelastenden Bewegung, also eine bis ins Erwachsenenalter integrierte Reaktionsmöglichkeit auf Reize, ist es erforderlich, dass die Reflexbewegungen, die bereits im Uterus eingeübt werden, entsprechend ausgebildet und integriert werden, und wenn dies nicht geschieht, wird zusätzliche Energie durch den nicht reibungslosen Ablauf in Anspruch genommen. Neuronale Prozesse werden verzögert und können zu Aufmerksamkeitsdefiziten führen.

„Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass sich diese Kompensationsmuster auswachsen, dass also die Restreaktionen nicht integrierter Reflexe verschwinden. Sie bleiben im Gegenteil bis zum Ende des Lebens bestehen, wenn man nicht gezielt etwas dagegen tut. Zeigt zum Beispiel der Moro-Reflex, der bei der Geburt eines Menschen vollständig vorhanden ist und bis zum 4. Monat integriert sein sollte, noch Restreaktionen, so befindet sich dieser Mensch später immer wieder in einer Abwehrhaltung, ist häufig überreizt, neue Herausforderungen machen ihm Angst, und seine Konzentrationsdauer ist eingeschränkt. Ein solcher Mensch hat innerlich das Gefühl, ständig unter Spannung zu stehen und weiß nicht warum.“ (S. 15)

Bärbel Hölscher führt in die Thematik über die Hirnforschung ein und macht deutlich, welche Auswirkungen nichtintegrierte Reflexe haben können. Wenn im Schulalter Kinder Probleme mit der Aufmerksamkeit oder beim Lernen haben, so lässt sich das unter anderem auf einen nichtintegrierten Reflex zurückführen. Die einzelnen Reflexe werden tabellarisch vorgestellt, jeweils mit einer passenden Illustration versehen. Das Buch von Hölscher ist zur Anwendung gedacht: Hebammen, Kinderärzte und –ärztinnen, Krankenhauspersonal, aber auch Physiotherapeuten und selbstverständlich Kinesiologen können sich anhand des Buchs einen eigenen Überblick zum Problemfeld machen. Nach eingehender Lektüre wird die eigene Wahrnehmung geschult – man geht auf der Straße nicht mehr einfach so an Menschen mit ungewöhnlicher Haltung vorbei.

Betrachtet man das von Hölscher medizinisch und heilpädagogisch angesprochene Thema von einer kulturhistorischen Perspektive, werden möglicherweise Haltungen, die in der Populärkultur als schick und cool gelten zu nichtintegrierten Reflexen aus der frühen Kindheit. In der Pubertät verstärken sich die nichtintegrierten Reflexe und der gesamte kinesiologische Effekt, der zu Verspannung führt, wird ignoriert. Bärbel Hölscher kanalisiert in vorliegendem Buch ihre eigenen Erkenntnisse aus der Praxis. Die Überlegung, besonders früh mit der Integration des Körpers in gesunde Bewegungsabläufe zu beginnen, prägt das Buch und empfiehlt es zugleich. Es wäre eine Fortsetzung für das fortgeschrittene Alter zu wünschen, wie sich der einmal begonnene Rhythmus vervielfältigt und psychische wie auch physische Beeinträchtigungen nach sich zieht.

Dominik Irtenkauf

aus Tattva Viveka – Zeitschrift für Wissenschaft, Philosophie und spirituelle Kultur
Ausgabe 68, August 2016, 23. Jahrgang, Seite 86
www.tattva.de